Auszug aus der Zeitschrift "Neue Kraftfahrer-Zeitung" Ausgabe 12. März 1942:
Die Motoren der Krafträder
Zweizylinder-Motoren
Zündapp KS 600
Die grundsätzlichen Betrachtungen über gegenläufige Zweizylinder-Motoren (Boxer-Motoren) gelten natürlich nicht nur für BMW (wir lernten hier besonders den Motor R51 kennen), sondern auch für Zündapp. Der wichtigste Typ ist hier der KS 600.
Es ist ein liegender Zweizylinder-Motor mit 597 ccm Inhalt, einer Leistung von 28 PS, mit einem ungeteilten Tunnelgehäuse, mit hängenden, voll gekapselten Ventilen, Leichtmetallzylinderköpfen, Ventil-Schraubenfedern, einer Kurbelwelle auf einem Kugel- und zwei Rollenlagern. - Einzelheiten zeigen besonders die Teile (Bilder 4408 - 4411). Die wichtigsten Daten sind folgende:
| Arbeitsweise | Viertakt | Kolbentyp | Nüral - mit glattem Schaft | |
| Zylinderzahl | zwei, versetzt, gegenläufig | Kolbenwerkstoff | Leichtmetall-Legierung | |
| Inhalt | 597 ccm | Zahl der Dichtungsringe | je Kolben 2 | |
| Hub/ Bohrung | 67,6 / 75 mm | Zahl der Oelabstreifringe | je Kolben 1 | |
| Verdichtungsverhältnis | 1: 6,5 | Pleuelstangenform | Doppel-T | |
| Höchst PS/ Drehzahl | 4,38 mkG/ 3950 | Pleuelstangenwerkstoff | Chrom-Einsatzstahl | |
| Gewicht Motor-Getriebeblock | 78,5 kg (trocken) | Kurbelwellenwerkstoff | Chrom-Molybdän-Einsatzstahl | |
| Leistungsgewicht | 2,8 kg/PS | Kurbelgehäusewerkstoff | Aluminium-Kokillenguß | |
| Literleistung | 46,5 PS | Zündungsart | Batterie | |
| Ventilzahl | je 2 hängend | Lichtmaschinentyp | Scheibendynamo | |
| Ventilform | Tellerventile | Lichtmaschinenleistung | 50/ 70 Watt | |
| Ventilwerkstoff | Ventilstahl | Zündkerzentyp | Bosch W 175 T 1 | |
| Ventilsteuerung | durch Stoßstangen und Kipphebel | Zündeinstellung | durch Handhebel | |
| Ventilspiel | 0,2 - 0,3 mm | Vergasertyp | Amal M76. 451 L | |
| Einlaß öffnet | 12° voT bei 1 mm Ventilspiel | Hauptdüse | 115 | |
| Einlaß schließt | 48° nuT bei 1mm Ventilspiel | Leerlaufdüse | 0,46 mm | |
| Auslaß öffnet | 54° vuT bei 1 mm Ventilspiel | Nadel | 6 | |
| Auslaß schließt | 6° noT bei 1 mm Ventilspiel | Nadelstellung | 11 | |
| Oeffnungsdauer bei Ein- und Auslaßventil | 210° Kurbelwinkel | Luftfiltertyp | Zündapp | |
| Der Ueberschnitt liegt | 3° Kurbelwinkel vor oberen Totpunkt | Schmierungsart | Umlaufschmierung | |
| Zahl der Kurbelwellenlager | 3 | Oelpumpenart | Zahnradoelpumpe | |
| Kurbelwellenlagertyp | 1 Kugel = 2 Rollenlager | Oelpumpe Fabrikat und Typ | Zündapp | |
| Pleuellagertyp | Nadellager im Käfig | Sommeroel | Gorgoyle Mobiloel "BB" | |
| Zylinderwerkstoff | Zylindergußeisen | Winteroel | Arctic | |
| Zylinderkopfwerkstoff | Leichtmetall |
Es ist der einzige Motor unserer Uebersicht, bei dem der Hub mit 67,6 mm kürzer ist als die Bohrung mit 75 mm. Man erreicht dadurch eine kurze Baulänge, was bei einem quer eingebauten Boxer-Motor wichtig ist, damit er seitlich nicht zu weit heraussteht.
Bei einem Verdichtungsverhältnis von 1:6:5 wird eine Literleistung von 46,5 PS bei n = 4700 erreicht. Die Ventile sind schräg hängend im Leichtmetall-Zylinderkopf (im besonderen Ventilführungsbüchsen, siehe Bild 4411) angeordnet und arbeiten mit je zwei ineinander liegenden Schraubenfedern. Die Steuerung geht über Stoßstangen und Kipphebel. - Die Ventileinstellung erfolgt nach Abnahme der Zylinderkopfdeckel (einzeln für jedes Ventil).
Die Ventile der beiden Zylinder werden durch eine Nockenwelle gesteuert, die über der Kurbelwelle gelagert ist und durch ein Zahnradpaar angetrieben wird. Die Stoßstangen sind bei der Ausführung mit nur einer Nockenwelle verhältnismäßig lang.
Das ungeteilte Leichtmetall-Tunnelgehäuse (Bild 4408) nimmt nicht nur alle Triebwerks-, sondern auch alle Zubehörteile, wie Scheibendynamo, Zündspule, Vergaser und Luftfilter auf. Dadurch entsteht der besonders glatte Bock, dessen pflegebedürftige Teile aber nach Abnahme gutgeformter Kappen (Bild 4409) leicht zugänglich sind.
Die Verrippung muß bei hochbelasteten Motoren besonders sorgfältig erfolgen, wenn auch die Zylinder bei quer eingebauten Boxer-Motoren wirklich im Fahrwind stehen. Bild 4405 zeigt hier deutlich die Verrippung und die Lufkanäle zwischen Zylinder und Stoßstangenrohr und den starkwandigen Leichtmetallkopf mit seinen für sichere Wärmeabführung berechneten Querschnitten.
Bild 4407 zeigt Oelumlauf. Dabei ist folgendes wichtig: »Da dieser Motor für höchste Beanspruchung konstruiert wurde, ist er mit einer Oelrückkühlung ausgerüstet. der heiße Oelstrom wird an den Prallwänden der Ansaugkanäle vorbeigeführt und dabei wirksam gekühlt, während das Gemisch dadurch vorgewärmt wird. So war es möglich, die Autobahn-Dauergeschwindigkeit der KS 600 sehr nahe an die Höchstgeschwindigkeit zu bringen. Mit einer KS 600 solo wurde z. B. eine Versuchsfahrt über 400 km Reichsautobahn zurückgelegt. Der gefahrene Durchschnitt betrug mit Umkehren 122 km/st. - die Oeltemperatur im Oelsumpf betrug, sofort nach dieser Hochleistungsprüfung gemessen, 75° C. « - Im Bild sehen wir noch Einzelheiten des Schmierverlaufs: Die durch ein Stirnradpaar angetriebene Zahnradölpumpe saugt das Oel durch einen Saugkorb aus der Oelwanne und drückt es an die Lager der Kurbelwelle und der Nockenwelle. - Schleuderöl gelangt zu den Pleuelköpfen und durch die Stoßstangenrohre zu den Kipphebellagern.
Die Reinigung des Schmieröls erfolgt durch das Sieb im Saugkorb und bei den älteren KS 600-Modellen auch noch durch ein Spaltfilter (das man sonst im Kraftradbau nicht findet). »Alle 500 km ist der aus der linken Kurbelgehäuseseite (in Fahrtrichtung gesehen) unterhalb des Zylinders hervorstehende Vierkantbolzen des Spaltfilters im Uhrzeigersinnn 1½ mal zu drehen. Sofern das Spaltfilter mittels Drahtzug durch die Fußbremse zwangsläufig betätigt wird, ist es notwendig, den obenerwähnten Vierkant nach 500 km zusätzlich mit Hand im Uhrzeigersinn 1½ mal zu drehen. - Alle 1000 km den Spaltfiltersumpf durch Herausnehmen der unterhalb des Spaltfilters auf der linken Kurbelgehäuseseite vorne befindlichen Schraube entleeren.« Ab Fahrgestell 500204 bezw. Fahrgestell 501474 wurde auf Grund umfangreicher Versuche das zusätzliche Spaltfilter wieder aufgegeben, zumal sich der Motorradfahrer an die Bedienung des Filters nicht gewöhnen wollte !
Bei der früheren Ausführung ist an jedem Zylinder ein Vergaser angeblockt, an dem das Luftfilter unmittelbar angesetzt ist. Die Normalausführung hat aber nur einen Vergaser (Amal-Zweihebel mit Gas- und Luftschieber), der oben im Tunnelgehäuse zusammen mit dem Luftfilter gekapselt ist (Bild 4405). Die Ansaugleitung gabelt sich im Gehäuse und führt von hier über zwei Rohre zu jedem Zylinder. Wie beim Wagenmotor hat der KS 600-Motor am Ende der Kurbelwelle eine Schwungscheibe mit eingesetzter Einscheiben-Kupplung. Deshalb ist keine Schwungrad-Zündlichtmaschine eingebaut, sondern ein Noris-Scheibendynamo vorn auf die Kurbelwelle gesetzt.
Die interessanten Zusammenhänge zwischen Leistungskurve und Drehmomentkurve zeigt noch das Bild 4406 nach Werksversuchen.